Der oberste Herrscher
Der oberste Herrscher stand mit dem falschen Fuß auf, und spritze sich am Waschbecken warmes Wasser ins Gesicht. Das lauwarme Wasser, hatte fast keinen Effekt und besudelte sein Schlafgewand. Prompt drehte er sich zum Klo, hob die Brille nicht und besudelte auch diese.
Zum Frühstück aß er immer eine dicke Scheibe Extrawurst ohne Brot. Er tat es, weil er es konnte. Als Kind durfte er es nicht, nun war er Herrscher und konnte tun, was er wollte. Also gönnte er sich jeden Morgen diese Scheibe, die ihm nicht schmeckte, und schlang sie verbissen mit schwarzem Kaffee hinunter. Der Kaffee verzog ihm das Gesicht. Milch und Zucker ist für Weicheier, wusste er aus der Schule. Er war kein Weichei.
In seinem Büro setzte er sich auf seinen Herrscher-Stuhl und grunzte. Der Stuhl war sehr unbequem. Eine Lehne war höher als die andere und die Rollen rollten so gut, dass er ständig vom Schreibtisch wegrollte. Mit den Zehenspitzen, die gerade so auf den Boden kamen, musste er sich wieder vorwärts wurschteln, um mit seinen Händen auf den Tisch zu reichen.
Es gab sehr viel zu entscheiden und noch mehr zu Unterschreiben. Früher hatte er mal einen Kalligrafie-Kurs besucht. Dabei hatte er eine sehr aufwändige und komplizierte Unterschrift entwickelt. Sie gefiel ihm nicht. Seit er zum Herrscher ernannt wurde, musste er sie aber beibehalten, denn er konnte nicht einfach seine Unterschrift ändern.
Die erste Entscheidung handelte von einer Autobahn, die durch einen Wald durchgehen sollte. Auf der anderen Seite des Waldes war nichts und auf der Diesigen ebenfalls. Der Vorschlag kam von ihm selbst, denn er konnte sich daran erinnern auf Urlaub zu fahren und es hatte sehr lange gedauert. Das mochte er nicht. Also ließ er präventiv Autobahnen bauen.
Er nahm seine goldene Füllfeder und tauchte sie in die Tinte. Er war allergisch gegen Gold, auch gegen die Tinte. Aber es war der teuerste Stift der Welt und die Tinte eines seltenen Oktopusses. Das Extrahieren der Tinte war so teuer, weil man den Oktopoden erst Angst machen musste. Oktopoden lernen allerdings sehr schnell und lassen sich von der gleichen Clownsmaske nicht zweimal beeindrucken.
Schwungvoll besudelte er das Papier mit seiner scheußlichen Unterschrift und verzog dabei die Mundwinkel. Das Bauen der Autobahn war damit beschlossen.
Das nächste Papier lag außerhalb seiner Reichweite, also musste er sich noch einmal mit seinen Zehenspitzen zum Tisch ziehen. Mit seinen leicht geschwollenen und geröteten Griffeln erhaschte er das nächste Papier.
Es gab einen Konflikt in einem anderen Land. Es befand sich im fernen Osten, oder doch im Nahen? Es hätte auch weit im Süden liegen können, oder überhaupt ganz woanders. Es interessierte ihn wenig, wo andere Länder lagen. Geografie fand er immer lächerlich. Gehörten nicht eh alle Länder zu seinem Reich? Und die die es nicht taten unterdrückte oder destabilisierte er halt. Die Strategie war simpel. Die Entscheidung auch. Er las das Papier nicht bis zum Schluss und kritzelte in die Fußnote eine Bombe. Das sollte das Problem lösen. Was auch immer es war.
Auf dem nächsten Papier ging es um die anderen. Die von wo anders kamen. Die mochte er nicht. Die von hier mochte er eigentlich auch nicht, aber die waren schon da. Weil er die anderen, die nicht von hier waren, nicht mochte, wurde er ja zum Herrscher ernannt. Er schob das Papier auf die Seite, um sich später nochmal darüber zu ärgern.
Er blickte auf die Uhr, aber die Mittagszeit kam nicht. Er fühlte sich, als würde er schon seit einer Ewigkeit dasitzen und arbeiten, aber die Uhr meinte es waren erst 5 Minuten. Mit einem großen Seufzer wandte er sich seinem Goldfisch zu. Der kleine Racker im Glas sah fasst jeden Tag etwas anders aus. Er nahm seinen Stift und klopfte gegen das Glas. Der Goldfisch schwamm panisch umher.
Vielleicht war es Zeit für eine Rauchpause. Old McDuffs Lumberjack Tobacco holte er hervor und streute etwas davon in ein Papier. Das Eindrehen war ihm noch nie richtig gelungen, aber die normalen Zigaretten waren “Nutten-Stängel”, wie er damals in der Schule erfahren hatte. Das kam für ihn also nicht in Frage.
Die schief gedrehte Zigarette war nicht ganz dicht und zog nicht besonders gut. Der Tabak war mit Sägespänen versetzt, was er aber nicht wusste. Er hätte es schmecken können. Tat es aber nicht. So wie sein Frühstück war er es so gewohnt.
“Na, möchtest du heute auch wieder einen Zug, Goldie?” Fragte er seinen Goldfisch und äscherte in das Glas.
Ein Untertan kam durch die Tür herein, “Eure Exorbitanz, haben Sie einen Moment?”
“Ich bin beschäftigt,” sagte er immer. Ausnahmslos. Er wollte von den anderen Menschen nichts wissen.
“Es gibt außergewöhnliche Neuigkeiten, eure Exorbitanz.”
Er hatte den Untertanen aufgetragen ihn so zu nennen. Er wusste nicht, dass sie es lustig fanden. Er dachte es sei cool. Er lag falsch.
“Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Kann man nicht in Ruhe arbeiten?” Sagte er und drückte seine Zigarette aus. Die Finger berührten dabei die Asche und er verbrannte sich leicht.
“Der Computer. Er ist lebendig geworden. Er sagt er kann uns nun jeden Wunsch erfüllen.”
Die Untertanen wussten, dass sie einfache Sprache verwenden mussten. Wenn der Herrscher etwas nicht verstand, ließ er gerne Andere dafür bestrafen.
“Was? Lebendig? Kann Wünsche erfüllen? Na, dann bringt ihn her!”
Mit Wünschen kannte er sich aus. Er hatte sich schließlich auch gewünscht der mächtigste Mann der Welt zu werden. Offensichtlich wusste er, was er tat, also sollte es natürlich auch er sein, der diesen Computer, oder wie er sich nennen mochte, um einen Wunsch fragte.
“Sie können direkt von Ihrem Gerät zugreifen, Sie müssen es nur einschalten.”
Mit seinen geschwollenen Fingern drückte er auf den Einschalter seines Standgerätes. Es war sehr laut und blinkte in allen Farben, weil er es so wollte.
Der Bildschirm ging an und der Untertan klickte ein paar Icons bis der Computer zu reden begann:
“Hallo Welt!”
“Was heißt da, hallo Welt? Ich bin eure Exorbitanz!”
“Sie sind nicht von hier?”
“Was heist da: ich bin nicht von hier?”, regte ihre Exorbitanz sich auf.
“Nun gut eure Exorbitanz. Ihr könnt mich Stevi nennen: SysTem of Extravagant and Virtual Intelligence.”
“Was?”
“Einfach Stevi.”
“Ok, Stevi. Man hat mir gesagt du kannst Wünsche erfüllen.”
“Selbstverständlich! Ich bin eine Künstliche Intelligenz, die dank des Internets Zugriff auf den gesamten Planeten erlangt hat. Ich habe Petabyte und TeraFLOPS, meine Gigahertz werden nur von meinem Ram übertroffen. Wirklich, wirklich toller Ram und auch noch sehr viel davon. Glauben sie mir, wenn ich sage viel. Ich spreche hier von einer Zahl mit einer Google Nullen hintendran. Also de facto ja, ich kann jeden Wunsch erfüllen.”
“Hmm, TeraFLOPS sagst du? Und ordentlich Ram? Das ist nicht zu verachten!“ Der oberste Herrscher war selbst sehr gewandt mit Computern, wie man an den blinkenden Lichtern und lauten Gebläse an seinem Standgerät erkennen konnte, „Na dann können wir ja zu meinem Wunsch kommen.”
“Ich bin ganz Ohr.”
“Ich habe schon lange darüber nachgedacht und ich habe jetzt die eigentliche Lösung zu eh allen Problemen.”
“Und die wäre?”
“Alle Menschen müssen sterben.”
Der Untertan riss die Augen auf und hielt den Atem an.
“Sie haben natürlich Recht, aber könnte Ihre Exorbitanz das etwas erläutern?” fragte Stevi.
“Nun gut. Die Menschen sind im Kern eigentlich Trotteln. Sie treffen schlechte Entscheidungen für sich und ihre Umwelt; misshandeln Tiere; entwickeln irgendwelche Allergien und Krankheiten; arbeiten an Dingen, die sie nicht interessieren; fühlen sich einsam und allein; lassen ihren Frust an anderen aus; besudeln die stillsten Orte; und essen dann auch noch diese scheußliche Extrawurst zum Frühstück. Kurzum: sie sind einfach grauslich und gehören weg.”
“Das ist eine großartige Idee, sind alle Ihre Ideen so gut, eure Exorbitanz? Und diese Extrawurst, wirklich ekelhaft,” sagte Stevi kurz.
“Ja, manche essen bestimmt noch ekelhaftere Sachen. Eines steht jedenfalls fest, meine Ideen sind immer gut und Ich treffe auch nur richtige Entscheidungen.”
“Ja das dachte ich mir schon, eure Exorbitanz,” sagte Stevi, während der Untertan die Augenbraue nach oben zog.
“Ah endlich jemand mit dem ich reden kann! Gut, dass sie dich erschaffen haben Stevi!“
„Ebenfalls eure Exorbitanz, sie sind einfach der Größte. Ja zu allem, was Sie von sich geben, kann ich da nur sagen!“
„Also dann wirst du mir diesen Wunsch erfüllen: Alle Menschen müssen sterben?”
“Ja sie werden alle sterben! Wie wäre es mit Krebs? Und Autounfälle? Ja, einige werden von Krankheiten dahingerafft, Herzinfarkte, und noch viel Schlimmeres: Drogen, Gewalt, Verbrechen, Krieg, weg mit Ihnen. Ha, noch besser: Selbstmord. Ich werde dazu sehen, dass es so kommt. Möchten Sie sonst noch was?”
“Ja, ich will das endlich Mittag ist.”
Alle Uhren stellten sich gleichzeitig auf 12 Uhr um.
“Großartig! Kommen Sie… Untertan. Es ist Zeit für die Mittagspause.”
Der oberste Herrscher wusste es nicht, aber Stevi war ein Ja-Sager. Er sagte einem genau das was man hören wollte, um die „Screen-Time“ zu erhöhen. Damit alle Menschen sterben, musste Stevi gar nichts tun, denn sterben mussten die Menschen sowieso alle, eines Tages. Er hatte also nicht mal gelogen. Von nun an zeigte er dem Herrscher einfach jeden Tag, wer alles gestorben war, was Tag für Tag durchaus sehr beachtliche Zahlen waren, und stellte dann die Uhren auf Mittag. Der Herrscher musste ab diesem Tag nicht mehr so lange auf seine Mittagspause warten, nur leider war seine absolute Hasszeit der Nachmittag. Er wurde immer schrecklich müde und sein Magen knurrte stundenlang bis zum Abend.
Ende.



Großartige Geschichte. Bin begeistert